Dichtung

Textdichtung vertont

1989 bis 1994 für das Musiktheater „College of Hearts“, das „Theater zum Westlichen  Stadthirsch“ und das „Theater Thikwa“. Danach unter der Berufsbezeichnung „Die Popette“ ausschließlich Songs siehe sheets. Seit 2016, mit Beginn des Spezialisierungsstudiums zeitgenössische Musik an der Hochschule Luzern, wieder Lieder, Bühnenmusik und Dramatexte.


Ausschnitt aus “Mittwochs bin ich immer so müde. Stück mit Aufschreien & Stoßseufzern” (Betancor 2018)

  • Eine Auswahl der Aufschreie & Stoßseufzer wurde uraufgeführt bei der UNERHÖRTEN MUSIK am 11. Juni 2019 von Martin Schleunig Piano, Claudia Herr Mezzosopran und Elena Kakaliagou Horn.

    In diesem Musiktheaterstück, was eine traurige Groteske ist, geht es um nichts Besonderes: um ein Grüppchen von Menschen auf die das Brennglas zeigt und ihre Umklammerungen und Lösungsversuche. Sieben Charaktere, gespielt von singenden Schauspieler*innen bilden das Personal für den Dreiakter, welcher die Grauzone der Kreativ-Wirtschaft streift. Werbeagentur, Stadttheater oder ähnliches. 

Die 13 Kompositionen „Aufschreie & Stoßseufzer“, jederzeit von egal wem zu singen, können beliebig zugeordnet, wiederholt und eingesetzt werden und kommen aus den Dialogen. Sprechen geht in Singen über und umgekehrt. Das Prinzip Arie/Rezitativ, ohne Oper sein zu müssen und entsprechend frei von Manierismus, eher „rough“, aber präzise. Im Grunde Motetten im Sinne des Wortes.


Ausschnitte:

Irgendwo

Amy Schröder Schröder: Fuck. Jetzt hab ich testen vergessen. 
Cloe Krämer: Du meinst, du bist da vorbei, ohne den Abstrich? Schröder: So what. Ich würde auch lieber zu Horkheimers vorletzter Vorlesung arbeiten, wenn’s mich interessieren würde.
Krämer: Das kenne ich. Auch ich habe diese Schwierigkeiten, mich hinzusetzen.
Schröder: Man müßte freier sein und sich auch so fühlen.

Aufschreie&Stoßseufzer: Ja. Freiheit wär cool. Für Freiheit kämpfen und dabei draufgehn‘n, das wär cool.

(..)

Christian Viehl: Frau von Held. Ich sehe Sie ja gar nicht mehr, wo waren Sie denn gestern. Ich hätte Sie gebraucht.

Aufschreie und Stoßseufzer: Immer muss man alles alleine machen, also selber, alleine.

Ich wünschte, ich hätte mal jemanden, der mich unterstützt.
Bananne von Held: Der?
Christian Viehl: Ja, mich.
Bananne von Held: Wie is’ das denn. Wenn Frau Konter morgen die Mediation in Raum 14 abhält, wo sind denn dann Sie?
Christian Viehl: Ja, wo werde ich wohl sein.
Bananne von Held: Also ja.
Christian Viehl: Ja. Ich muß morgen nach Erfurt, wo ist denn Frau Konter morgen mit ihrer Mediation. 

Biegt ab

Bananne von Held: Hätte ich doch mein Studium abgebrochen.
(…)

Aufschreie und Stoßseufzer: Ich möchte wissen, ob meine Grundausstattung taugt. Ob ich das Zeug hab, das auch auszuhalten wozu mich meine Wut anstachelt.

(…)

Auf der Straße

Bananne von Held: Ich möchte niemanden sehen und nicht mehr sprechen. Ich möchte den Blick nach innen drehen, “über meine eigene Erfahrung als Körper die Wahrheit (zu) sagen nicht bestanden. Ich zweifle, ob irgendeine Frau das bisher geschafft hat. Die Hindernisse vor ihr sind immer noch gewaltig und doch sind sie sehr schwer zu bestimmen.” Frauen stehen immer vor ihren Körpern. Stehen davor und kommen nicht drüber weg.

Aufschreie und Stoßseufzer: Ist das genetisch, sind das die Gene, hält die Brüstung, an der ich lehne Ist das noch Sex, oder schon Gender, fall ich vom Turm hält das Geländer? 

Und dann auch noch feige. Wie alle. Frauen. Das schwache Geschlecht. Nicht denken, aber zweifeln. Man schafft es ja gar nicht, sich wichtig zu nehmen. Ob ich es jemals zu was bringe?

Mediationsraum, auf Carola Konter als Nora verkleidet 

Carola Konter als Nora: So. Das trägt man also in Norwegen. Aha, interessant. Mein Bieber, mein stinkiger kleiner Volkspisspott, Göttergatte und Jägerzaun. Rate, was ich tue und wann, nein. Laß mich raten. Ich könnte jetzt nach nebenan gegangen sein, und mich mit mir selbst beschäftigt haben, bevor ich vierzig Minuten später ein Heftchen gefunden haben würde, was weder Sinn noch anmachte, mit seltenen Exemplaren, verkleidet als sie selbst und in Pose. Da plötzlich ein Allgemeinplatz. Dass die Ohren sich abwenden und die Kopfhaut sich nach außen stülpt und angewidert vom Rest erübrigt sich das Übliche. Bist du heute wieder deinem Beruf nachgegangen? Oder der kleinen Aushilfe. Als sie Kaffee holte für dich, deinesgleichen und den Rest. Wie alt war sie doch gleich, siebzehn? Ein schönes Alter für Dienstleistungen aller Art und langsam sollte auch daran gedacht werden, einen Haushalt zu führen. 


Ausschnitt aus “Vom Streben nach Höherem. Drei Einakter” (Betancor 2019)

Zum Inhalt:
Diese Einakter behandeln den Sehnsuchtsort OBEN, der gerne Macht impliziert, Wohlstand, Freiheit, Souveränität, aber auch Ruhe und Frieden. Der erste, „Das Schwein“ spielt in den deutschsprachigen Alpen. Ein Kommunalpolitiker kandidiert für den Landtag, weil er hofft, eine politische Karriere möge von seinen Defiziten ablenken. Um sich zu profilieren, versucht er, einer befreundeten Bergbäuerin einen Betrug nachzuweisen. Die Musik scheint das Gegenteil von Blasmusik, hat jedoch den gleichen Impetus.

Der zweite Einakter spielt sozusagen eine Etage tiefer, auf der Bergstation. Die quasi mitten in der Stadt liegt. Als Transitraum zwischen oben und unten. Unfertig.


Ausschnitt aus Teil I “Das Schwein”

Landtagskandidat: Grüß Gott, ich bin der Alexander Schmid und kandidiere für den Landtag. Ich weiß, daß die Inneneinrichtung meiner Wohnung diesem nicht entspricht, aber ich meine, für mich selbst sprechen zu können, daß doch.
Frau des Landtagskandidaten: Du sprichst von Wohnung. Ist es aber nicht ein Karton dem wir innewohnen, ein kleiner verholzter?
LK: Nun ja, denn, wohl. Aber mußt du mich immer und immer wieder unterwandern. Merkst du nicht, daß du mich hinabziehst, ohne je was hinzuzufügen?
FdLK: Es gäbe Kloß. Wo hast du die Teller hin?
LK: Gleich hinten. Welcher Tag ist heute?
FdLK: Donnerstag.

Nach hinten ab

LK: Donnerstag. Noch drei Tage bis zur Wahl. Ich muß es schaffen. Ich muß in die Liste und dann nach oben. Ganz nach oben. Die Doppelspitze unterwandern und schärfen. Dass sie wieder eins wird. Wie unser Vaterland. In den Grenzen von 48. Am Liebsten natürlich die von 1806. Nur wie, ohne Waffen. Ich weiß, andere kennen nicht diese Bürde. Dieses ewige Sysiphusrad an dem ich hänge. Aber ich trage mein Päckchen was ich gerne schultere. Bin ich doch stolz auf mein Vaterland, das abgetrennte, behütet von Bergen welche leider an Angrenzendes stoßen.

Auf seine Frau

FdLK: Mit besten Empfehlungen von der Sonnwaldbäuerin.
LK: Wo kam jetzt der Tisch her.
FdLK: Von der Sonnwaldbäu’rin. Mit besten Empfehlungen.
LK: Wie darf ich das verstehen.
FdLK: Als Kompliment. Sie traut dir. Sie setzt große Stücke auf dich. Als Landtagskandidat. Daß du vielleicht ihr einziges Schwein vor der Notschlachtung bewahren mögest. 
LK: Wie kann ich das, wenn ich doch überzeugt bin, dass ein Schwein jenseits der Baumgrenze nicht grasen kann.
FdLK: Aber ein Schwein grast doch nicht. Es frisst. Was der Mensch ihm übrig läßt. 
LK: Du willst sagen, es frisst?
FdLK: Ja. Was der Mensch ihm übrig lässt.
LK: So hab ich das noch nie betrachtet. So ist doch ein Schwein auch ein Nutztier. Es nützt, indem es beseitigt. Frau. Du lässt mich die Dinge mit ganz anderen Augen sehen. Aber ist ein Schwein nicht nachgerade ohne Unterlass angefüllt mit willkürlich Abgesondertem? Ist es somit nicht ebensowenig Mensch wie ein Recyclinghof?
FdLK: Mann. Ein Schwein ist ein Tier. Es lebt. Solang man es nicht dahin schlachtet.
(…)


Ausschnitt aus Teil III “Fernwärme”

Mutter:
Sonne, was willst du von mir
Gib mir noch 10 Minuten
Wenn der Wecker schellt und keiner sich blickt
Steh ich eventuell auf

Mutter2:
Mir war doch kurz als juckte mich
Ein sanftes kleines Ding
Es strich und bespuckt wurd‘ ich 
Als ich nach oben ging
Mich deucht es war nicht sanft 
Und auch Weichheit ging ihm ab
Auf jeden Fall verlud es mich
Und ich stieg hinab

Sohn: 
Mutter du verheb dich nicht
An ziellosem Gereime
Wohin auch wo du immer gehst richt‘
Dich nach mir geh Heime

Tochter:
Alles, was außerhalb meiner ist, erscheint mir nun fremd. Weder Nächste noch Gleichgesinnte noch Brüder sind mir verblieben. Ich fühle mich auf dieser Erde so unheimisch, als wäre ich von einem anderen Planeten herabgefallen.

Sohn:
Hä? Was? 
Vierzig fiese Vierminüter auf der Fahrt ins Flachland
Von gestern kommt nichts Gutes 
Es reicht nicht, gewesen zu sein 
Ich als Hochbegabter lasse mich herab und bin bereit, mich mit euch auszutauschen

Tochter:
Ich tausche nicht.

Mutter:
Ich geh sowieso schwimmen jetzt. Mit dem Schwimmen halte ich mich über Wasser

Tochter:
Reiner Eskapismus

Sohn:
In Reinform

Mutter:
Ihr mit euerm Gedichte
Heute traut sich keiner mehr ohne Abschluss aus dem Haus. Jede und alles verkappt. 

(…)